Achtsamkeit Selbstreflexion Soulspiration

Wertfreie Wahrnehmung

Vorletzte Woche habe ich eine geführte “Körperreise” gemacht. Ich sollte wertfrei wahrnehmen was ist. Da ich zu Hause, seit vielen Jahren, häufig diese Art der “Reise” mache, dachte ich, dass das kein Problem ist. Bis ich dann vom “Profi” gesagt bekam, dass ich mit jeder meiner Wahrnehmung eine Wertung abgab. Mich hat das etwas schockiert. Auch weil es bedeutete, dass ich all die Jahre im Grunde “falsch geübt” habe.

Die Wand in meinem Rücken, die sich warm anfühlte (warm galt für mich in dieser Situation als behaglich und ist eine Wertung), die Autos, die draußen vorbei rasten (das “Rasen” ist ebenso eine Wertung wie zu behaupten, dass die Geräusche von Autos stammen – wirklich WISSEN kann ich es in dem Moment nämlich eigentlich nicht). Die Liste ließe sich ewig fortführen. Mich hat das verwirrt aber auch unglaublich neugierig gemacht und motiviert, hier künftig besser zu werden.

Unweigerlich kam aber auch die Frage auf: Geht das eigentlich? Etwas einfach so wie es ist, ohne zu urteilen, ohne zu deuten und ohne zu interpretieren in seiner Gänze wahrzunehmen? Denn eigentlich können wir ja nur das, was wir irgendwann mal wahr genommen haben, auch kennen. Nur dadurch, dass wir überhaupt wahrnehmen, können wir mit der Welt, mit unserer Umgebung interagieren, Entscheidungen treffen und richtig abwägen.

Es geht bei dem Thema Achtsamkeit aber nicht grundsätzlich darum, sämtliche Wertungen innerhalb unserer Wahrnehmung zu canceln und von heute auf morgen wertfrei durch die Welt zu laufen. Viele Bewertungen und Einschätzungen in unserem Leben sind sogar durchaus sinnvoll und wichtig für uns. Sie bewahren uns vor Gefahren, vor Fehlern, schenken uns neuen Mut, neue Erfahrungen und helfen uns, uns weiter zu entwickeln. Nur durch die Wahrnehmung können wir überhaupt zu uns selbst finden.

Wir müssen uns in der Gänze wahrnehmen und durchaus manchmal auch darüber urteilen, ob etwas gut oder schlecht für uns ist. Viel mehr geht es aber darum, auf den Prozess der Wahrnehmung, auf das WIE zu achten. Wie nehmen wir etwas wahr und was genau spielt sich in diesem Moment in unserem Kopf ab. Wir müssen uns mit unserer Wahrnehmung auseinandersetzen, um einige typische (negative) Bewertungen überhaupt bemerken zu können.

Es ist nämlich völlig normal, dass wir werten/urteilen und liegt in unserer Natur. Wir haben das nicht anders gelernt und tun es jeden Tag ganz automatisch. Nicht nur über andere, sondern auch über uns selbst. Oft fliegen uns urteilende Gedanken in den Kopf, gegen die wir uns gar nicht wehren können. Obwohl wir es nicht wollen und eigentlich “klüger” und toleranter sind.

Der Großteil von uns wird die Farbe rosa z.B. sofort einer Frau zuordnen und nur wenige würden auf die Idee kommen, dass rosa für einen Mann stehen kann. Sehen wir einen Mann mit einem rosa Shirt, so finden viele von uns das auch heute noch eher befremdlich, manchmal sogar “schwul”. Eines von vielen bewertenden/abwertenden Urteilen, das viele beinah automatisch fällen. Aber wir werten z.B. auch Aussagen anderer und kreieren daraus das ein oder andere Mal Probleme, wo gar keine Probleme sind (“Das hat sie absichtlich gemacht, ich bin mir so sicher. Wieso sonst sollte man sich so verhalten!?”).

Eigentlich meint die wertfreie Wahrnehmung nur, dass wir beobachten, was wir sehen oder eben unmittelbar spüren können. Und nicht, dass wir uns damit beschäftigen, was wir denken, fühlen oder uns wünschen. Die größte Hürde besteht am Anfang darin, dass wir Wahrnehmung und Interpretation voneinander trennen können. Bemerken, wenn wir urteilen, deuten und interpretieren und eingestehen, dass all unsere Urteile absolut subjektiv sind.

Es gibt kein reines gut oder schlecht, kein halbvoll oder halbleer, nichts halbes und nichts ganzes, nur schön und nur hässlich, nur gut oder nur schlecht, sondern grundsätzlich zwei Seiten der Medaille. Weil wir alle uns unterscheiden in dem was wir denken, wahrnehmen und urteilen.

Wir werden niemals komplett wertfrei sein (meine Theorie, beweist mir gerne das Gegenteil), aber wir können lernen, weniger häufig zu werten und insbesondere zu voreilig zu urteilen. Mit viel Arbeit kann es uns aber gelingen, negative/unfaire/schlechte Werte zu etwas Positivem umzukehren und Abstand zu unseren Bewertungen zu erhalten.

Ich möchte das künftig auf jeden Fall trainieren. Eingefahrene Strukturen in meinem eigenen Denken aufzulösen und einige (Vor-)Urteile aufzulösen tut sicherlich gut. Allerdings merke ich auch, dass es ne unwahrscheinlich schwere Aufgabe ist, weil das Werten so sehr zum Alltag gehört und von mir bisher nie ernsthaft hinterfragt wurde. Wie geht es Euch da? Ist Euch das egal? Habt Ihr Euch mit dem Thema schon mal beschäftigt? Wollt Ihr was daran ändern? Fällt es Euch evtl. sogar total leicht, nicht (voreilig) zu urteilen?

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1 Kommentar

  • Hey,
    ich bin gerade zufällig über deinen Artikel gestolpert und möchte kurz meine Erfahrung teilen. Etwas komplett rein wahrzunehmen, ohne einen geistigen Filter davor, ist schwer. Unser Verstand projiziert quasi jederzeit vergangene Erfahrungen oder zukünftige Vorstellungen in den gegenwärtigen Moment herein, wodurch Bewertungen entstehen. Manchmal ist es sehr offensichtlich, meist aber eher subtil, auf einer unterbewussten Ebene. Dieses Projizieren zu unterbinden, um die Welt wie ein neugeborenes Kind zu sehen (die Analogie gefällt mir ganz gut :D), ist dennoch möglich. Um genau zu sein glaube ich, dass es der natürlichste Zustand ist, in dem man nur sein kann. Komplett im Hier und Jetzt, reines Sein. In tiefer Meditation, Verbundenheit mit der Natur oder einfacher Achtsamkeit bei dem, was man gerade macht, lässt sich manchmal ein Einblick in diesen zeitlosen Zustand erhaschen.

    Liebe Grüße,
    Valentin

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