Selbstreflexion

Ich bin ein UND-Mensch

Achtsamkeit ist, in einer Zeit voller Hast, zu einem Ideal geworden. Diesem Ideal, von dem ich weiß, dass es einige meiner Probleme beinah in Luft auflösen könnte, haste ich hinter her. Tagein tagaus blockiere ich mich selbst. Mein Kopf ist voller Dinge, die ich tun will. Der Stapel mit den guten Ideen und Vorhaben ragt sicher bis in die Wolken. Aber anstatt irgendetwas zu tun, sitze ich hier und mache gar nichts, weil ich mich nicht entscheiden kann , womit ich beginnen will. Wir leben in einer Zeit, in der wir stets die Wahl haben. Unsere Möglichkeiten sind schier unendlich. Für mich war das schon immer ein Problem und fing auf der weiterführenden Schule an. Welche Sprache willst Du lernen? Latein? Spanisch? Hebräisch? Englisch? Französisch? Italienisch? Russisch? Was willst Du nach der Schule machen? Ein freiwilliges soziales Jahr? Ins Ausland? Eine Ausbildung? Doch Abi und studieren? Wenn ja, was ? Wenn nein, was dann? Ich wollte schon damals ganz viel gleichzeitig. ODER fällt mir schwer, ich bin mehr so der UND Mensch, aber UNDs machen mich ganz nervös. Weil UND für mich irgendwie immer auch mit einem JETZT verbunden ist. Ich will jetzt alle 13 Achtsamkeitsbücher lesen, verstehen und anwenden. UND. Ich will jetzt meine Edelsteine säubern und mit Energie laden. UND. Ich will jetzt meine Inspirationskarten nutzen. UND. Ich will jetzt raus in den Wald gehen, auf dem Boden liegen und singen. UND. Ich will jetzt Yoga machen. UND. Ich will jetzt meditieren. UND. Ich will jetzt reisen. UND. Ich will jetzt meine drei Geschäftsideen umsetzen. UND. Ich will jetzt ein Haus kaufen. UND. Ich will jetzt nach Bayern ziehen. UND. Ich will jetzt achtsam sein. Sofort! Wenn es um Achtsamkeit geht, dann ist das “den Moment genießen” an sich kein Problem für mich. Vielmehr, den Moment überhaupt zu erleben. Alles, was ich in einem Moment tue, kann ich genießen, wenn ich es denn tue. Aber die UNDs dazwischen, die blockieren mich, weil ich mich nicht entscheiden will oder kann. So richtig weiß ich gar nicht, ob es ein “nicht können” oder eher ein “nicht wollen” ist. Statt aufzustehen und zu sagen: “JETZT mache ich das (nicht das UND das, sondern NUR DAS)!” sitze ich hier und sitze und sitze. Ich starre meinen Stapel voller Ideen an, male mir aus, wie es wohl wäre, all diese Ideen in die Tat umzusetzen. Wie es sich wohl anfühlt, wenn ich richtig toll achtsam wäre. Wie es wohl wäre, meine Träume zu leben. Ich sitze, starre auf den Bildschirm, surfe mal hier und mal da rum, aktualisiere Homepages. Dann plötzlich ist es 21:00 Uhr und ich muss ins Bett. Und im Bett überlege ich dann weiter und schmiede Pläne für den nächsten Tag. Pläne die auf jeden Fall funktionieren. Ab Morgen, da lebe ich ein anderes Leben. Da bin ich achtsam UND dieses UND jenes. Es ist wie damals, als ich mit dem Rauchen aufhören wollte UND gesünder leben UND die Pille absetzen UND abnehmen UND kein Fleisch mehr essen UND überhaupt keine tierischen Produkte mehr. Jeden Tag aufs Neue lag ich Abends im Bett mit einem “Ab Morgen ändert sich alles” Gefühl. Erst als ich das erkannt habe und statt nachzudenken einfach angefangen habe es zu tun, konnte ich meine gewünschten UNDs leben. Als Und-Mensch blockiere ich mich täglich selbst. Aber ich bin, dank der vielen UNDs, auch sehr vielseitig. Ich kann mich selbst reflektieren UND etwas daran ändern. Ich kann unachtsam UND achtsam sein. Ich kann anderen etwas beibringen UND selbst daraus lernen. Ich kann träumen UND meine Träume leben. Ich kann Latein UND Englisch. Ich kann meine Gewohnheiten nicht überwinden UND über meinen Schatten springen. Ich kann Mimimi UND Ommmm. Erst aus den vielen UNDs kann was tolles entstehen. Schließlich braucht es auch Sonne UND Regen, damit ein Regenbogen entstehen kann. Letzten Endes ist mein Wunsch danach, alles SOFORT umzusetzen nur ein Ausdruck dessen, was ich in den letzten Jahren erfahren durfte und erleben musste. Dass das Leben endlich ist. Man weiß es und doch muss man es erst spüren, um zu verstehen, was das bedeutet. Seit dem möchte ich alles sofort umsetzen weil ich Angst habe, dass mir die Zeit davon rennt. Und genau deshalb sehne ich mich so nach etwas mehr Achtsamkeit in meinem Leben. Der Kreis schließt sich. Meine wirren Worte teile ich mit Euch und lasse sie gleichzeitig auf mich wirken. Mal sehen, was ich daraus mache UND was sie mit mir machen.  

9 Kommentare

  • Sandra! Ich beneide dich um die vielen UND’s! Bei mir gibt es jeden Abend im Kopf ein: “man, ich will irgendwas neues probieren, aber was nur?” Ich liebe meine kleine Familie, aber mein Job, zum Beispiel, würde ich sofort eintauschen. Gegen etwas, was mich glücklich macht! Aber was, verdammt noch mal, ist das??

  • Hi

    Ich denke du schreibst 100000 Menschen aus der Seele. Das UND ist die kleine Schwester vom ABER. Beide blockieren uns in unserem sein. Ich könnte jetzt aus dem stehgreif 100 Sachen aufzählen bei denen ich mir durch UND und ABER selbst im Weg gestanden bin. Mittlerweile bin ich so weit das ich zu 50% meine UND‘s und ABER‘s zur Seite packe und MACHE. Ohne abzuwägen ohne groß darüber nachzudenken. Aber bis hier hin war es ein laaaaaanger weg. Es muss nicht immer alles sofort passieren. Wenn die Situation stimmt , warum nicht. Dann kann mal auch mal 5 Dinge gleichzeitig tun 😉. Manche Dinge brauchen wiederum Zeit.
    Und wie ich es meinen Kids immer und immer wieder sage “ man kann nicht immer alles und schon gar nicht auf einmal haben „.

    In diesem Sinne viele liebe Grüße

    Alex

  • Hallo Sandra du schreibst mir aus der Seele. Vor lauter und kann ich manchmal gar nicht schlafen. Ich habe auch total viele Pläne im Kopf und brauche manchmal meinen Mann, der mir dann sagt wir machen eines nach dem anderen komm Mal wieder runter… Vielen lieben Dank

  • Du hast mir total aus der Seele gesprochen. Ich kann das auch, bin ABER eher so ein ABER-Mensch.
    Ich habe immer das Gefühl, dass man so viele Gedanken hat, diese aber nicht ordnen kann. Ich fange seit kurzem an zu bloggen in der Hoffnung meine Gedanken ordnen zu können. Dein Text hat mich für meinen Samstag-Post inspiriert.

    Danke dir dafür und einen schönen Tag.

    • Liebe Michaela,

      danke für deinen Kommentar.
      Diese ABER-Geschichte kenne ich auch und tatsächlich hatte ich schon überlegt, da eine Fortsetzung zu machen ala “Ich bin ein UND-Mensch UND ein ABER-Mensch” 🙂 Schauen wir mal.

      Viele Grüße und dir eine schöne Woche!

  • Puh.. Teilweise dachte ich beim Lesen deiner Zeilen, dass du da über mich schreibst. Das sitzt irgendwie, wenn es so schwarz auf weiß da steht. Aber es tut gut, zu wissen, dass man nicht alleine damit ist.
    Danke fürs Teilen dieser Gedanken!

    Frau Ehrlich.

  • Ja. Alles davon. 🙂 Wahnsinn. Ich hab mir für 2019 eine Liste gemacht. Die bekommt zwar fast täglich zuwachs, aber ich setze das jetzt auch um. Erstmal die naheliegenden oder einfachsten oder wichtigsten Dinge und immer wenn ich Lust hab auch was anderes. Um mir selber meine kleinen Schritte zur Erfüllung der Vorhaben vor Augen zu halten hab ich mir überlegt kleine Sternchen in meinen Wandkalender zu kleben, wenn ich an dem Tag auf irgendein Ziel hingearbeitet, oder mir eines erfüllt habe. Mal sehen wie ich damit fahre 🙂 Aber es stimmt. Nachdem die Erkenntnis kam, dass ich eben so bin, der Planer, der Theoretiker, nicht der Driver, konnte ich anfangen gezielt dagegen zu arbeiten und mich irgendwie austricksen mit Mini-Zielen, die ich sofort dahin machen kann. 🙂

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