Selbstreflexion Soulspiration

Immer wieder Donnerstags oder die Macht der inneren Einstellung

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Immer wieder Donnerstags
Seit November 2017 besuche ich regelmäßig Frauen-Workshops, nehme mittlerweile zum zweiten Mal an der Gefährtinnen-Seminarreihe “Freude am Frausein” teil und bin 1 x im Monat zusätzlich im fortlaufenden Aufbaukurs “Königinnen”. Weil das Schreiben über die Erkenntnisse aus Workshops und Therapiestunden für mich heilsam & festigend ist und es zudem durchaus Leser gibt, die meine Erzählungen interessieren, liegt es nahe, hier den Gegenpol zu “Immer wieder Sonntags” auf DieCheckerin.de zu kreieren.

Da die Workshops und meine Therapie meist Donnerstags statt finden, war die Sache mit der Namensfindung auch relativ einfach, auch wenn der Artikel selbst nicht Donnerstags online gehen wird 🙂 So haben meine Erfahrungen, Erkenntnisse, Ängste oder Probleme, rund um alle Formen der Beschäftigung und Therapie mit & von mir selbst, von nun an einen festen Platz, der deutlich besser zu ihnen passt.


Am Donnerstag stand ein Treffen mit meiner Oma an. Ich war relativ aufgeregt, bis hin zu ungehalten, weil ich die letzten Monate viel über mein Verhältnis zu ihr nachdachte und kurz davor stand, den Kontakt zu ihr abzubrechen. Meine Oma ist ein Mensch, der sich sehr verletzend, derb bis gehässig ausdrückt.

Das bedeutet im Klartext: ich trage mein Lieblingskleid, sehe wirklich toll aus und merke schon, wie sie mich mustert. Eine Woche später sehen wir uns wieder, ich habe etwas anderes an und sie sagt: “Na, zum Glück hast du nicht das Kleid an. Ich hab schon zu Opa gesagt, die ist so abartig fett geworden. Aber das war nur dieses hässliche Kleid. Da hast du SO EINE KISTE drin.”
Alles, das sie nicht mag oder anders sieht, ist für sie scheiße/ekelhaft/widerlich/abartig/furchtbar/… . So auch mein Gesicht, wenn ich mich nicht schminke. Meine Haare, wenn sie nicht gefärbt sind. Der Bart meines Freundes, wenn er nicht frisch rasiert ist. Die Haare meines Freundes, wenn sie länger sind. Meine Essgewohnheiten bzw. Essen das über Fleisch und Kartoffeln hinaus geht insgesamt. Meine Arbeit (“Wie soll das alles gehen bitte? Du hast doch was ganz anderes gelernt!” “Was hast DU denn bitte für Stress?” “Deine Mutter und dein Bruder müssen arbeiten, mach du das mal”) und so weiter und so fort.

Die Sache mit dem Kleid war der Auslöser dafür, mich selbst zu fragen, WARUM ich mir das eigentlich antue. So richtig habe ich anfänglich keine Antwort gefunden. Erst als ich Donnerstag vor dem Treffen mit meiner Therapeutin über dieses Thema sprach, wurde mir eine Seite dieses Themas klar.

Gesagt habe ich immer, dass ich den Kontakt nur wegen des Geldes aufrecht erhalte. Das ist mir de facto aber total egal und nur ein vorgeschobener Grund. Es ist eher so: ein Teil in mir hat Verständnis für meine Oma. Nicht für ihr falsches Verhalten, sondern für die Ursache dessen. Ich erlaube mir aber nicht, diesen Gedanken zu zu lassen, weil ich automatisch in einen Rollenkonflikt mit meiner Mutter gerate, die eine furchtbare Kindheit mit meiner Oma erleben musste und die dieses Verständnis verletzt.

Omas Verhaltensweisen liegen, wie eigentlich bei fast jedem, in ihrer eigenen Geschichte begründet. Sie hatte eine miese Kindheit, spielte immer die zweite Geige, musste ihre Gefühle immer unterdrücken, hatte vier Kinder mit einem Mann der Alkoholiker war und musste ihre Kinder nach der Trennung allein ernähren und erziehen. Nichts davon entschuldigt falsches Verhalten, aber es ist eine Erklärung, wo ihre unangenehme Art und Weise herrührt.

Sie hat, wie so viele Menschen, aber schon früh versäumt, sich ihren eigenen Dämonen zu stellen und ihre Geschichte aufzuarbeiten. Die logische Konsequenz ist, dass man das Fehlverhalten an die nachfolgenden Generationen überträgt und das eigene Verhalten kaum bis gar nicht reflektiert. Das macht es zwar nicht besser, aber man kennt das Verhalten von sich selbst. Ich jedenfalls kenne es von mir sehr gut.

Neben diesem Teilverständnis ist da aber noch was:

Oma ist ein Mensch, der mir WIRKLICH zuhört und mir häufig das Gefühl gibt, sich für mich bzw. für uns zu interessieren. Und sie ist jemand, mit dem ich mich auch mal über was anderes, intelligenteres unterhalten kann. Das schätze ich sehr.

Während dem Gespräch mit der Therapeutin hat sich heraus gestellt, dass ich in 33 Jahren noch nie ganz eindeutig zu meiner Oma gesagt habe, dass mich ihre Worte verletzen. Im Gegenteil habe ich mich meinerseits ähnlich gehässig verhalten, in dem ich z.B. absichtlich das Parfum auftrug, das sie gar nicht leiden kann, anzog was sie hässlich findet und mich kaum schminkte, wenn ich zu ihr kam. Tage vorher habe ich mich schon in Situationen hinein geschaukelt und war hauptsächlich wütend und genervt.

Wenn sie dann aber mal wieder was an mir kritisierte, habe ich freundlich genickt oder gelacht. Manchmal hab ich gesagt, dass ich das anders sehe, aber offen und ehrlich mit ihr gesprochen habe ich nie. Dabei ist meine Oma jemand, mit dem man das sehr gut kann. Vor einigen Wochen bin ich am Telefon eskaliert, als sie mal wieder meine Arbeit in Frage stellte. Ich hab ihr u.a. gesagt bzw. eher geschrien, dass ich möchte, dass sie meine Arbeit ernst nimmt, so wie sie die Arbeit aller anderen Familienmitglieder auch ernst nimmt weil ich einer absolut normalen Beschäftigung nachgehe. Und dass ich ihr, wenn wir sie besuchen, gerne genauer erklären kann, was ich arbeite, damit sie ein Verständnis dafür entwickelt.

Meine Oma war perplex, aber anstatt zurück zu schreien und beleidigt zu sein (so wie ich das eigentlich aus Streitgesprächen mit anderen Frauen kenne), hat meine Oma gesagt: “Ja, mein Gott, Sandra. Du musst ja nicht gleich so ausrasten. Ist ja in Ordnung. Ich versteh einfach wirklich nicht, was ihr da macht, du musst mir das mal zeigen.”. Und danach haben wir völlig normal und freundlich weiter geredet. Wie echte Erwachsene.

Jedenfalls sagte mir die Therapeutin am Donnerstag, dass meine Geschichte meine ist und ich versuchen sollte, die Geschichten anderer nicht reinspielen zu lassen. Dass ich nicht für die Gefühle, Erwartungen, Ansichten anderer verantwortlich bin und mir deshalb erlauben soll, meine Oma zu mögen, wenn ich es denn möchte. Sie sagte, dass es eigentlich ja doch ein bisschen was gibt, dass ich mit meiner Oma verbinde und dass sie glaubt, dass sich das Verhältnis zumindest entschärfen lässt, wenn ich ihr anders gegenüber trete. Und zwar in dem ich klipp und klar sage, wenn sie mich verletzt und dass ich auch sage, wenn ich überlege, deshalb nicht mehr zu ihr zu kommen.

Mit diesen und vielen anderen Erkenntnissen, die hier jetzt den Rahmen sprengen würden, fühlte ich mich für das Treffen gestärkt. Ich hatte zwar immer noch Angst vor einer Konfrontation/Auseinandersetzung/Eskalation, aber da mein Freund dabei war, ging es einigermaßen. Und tatsächlich war dieser Tag einer der schönsten und angenehmsten, den wir bisher mit meiner Oma und meinem Opa verbracht haben. Nicht ohne blöde Sprüche, aber ich habe sofort sanft, aber bestimmt darauf reagiert.

Sie fragte z.B. was wir essen, ich antwortete “Gnocchis in Weißweinsauce” woraufhin sie sagte “Oah wie ekelhaft.” Ich habe sie daraufhin sofort gefragt, ob sie mal was Netteres sagen kann, anstatt immer mein leckeres Essen so niederzumachen. Dass sie ja auch einfach sagen könnte, dass sie es nicht mag oder nicht kennt. Und, tadaaa, meine Oma sagte: “Ja entschuldige, ich brauch einfach Fleisch und Kartoffeln. Aber du darfst auch zu meinem Essen sagen, dass du es ekelhaft findest beim nächsten Mal. Ich lass das.” Auch in zwei anderen Situationen, lief es sehr ähnlich ab.

Damit ist das Ganze natürlich nicht einfach so vom Tisch. Es werden Situationen kommen, in denen meine Oma mein Aussehen kritisiert oder irgendwie sonst verletzend wird. Aber ich weiß jetzt, wie ich richtig darauf reagieren kann. Es ist eigentlich ja nur logisch, dass mein Gegenüber sein Verhalten nicht reflektieren kann, wenn ich nicht mitteile, was in mir vorgeht. Von einem erwachsenen Menschen sollte man natürlich erwarten dürfen, dass er sein Verhalten reflektieren kann und dass eine Oma intuitiv weiß, dass man seine Enkeltochter so nicht behandelt. Aber ich weiß von mir selbst wie es ist, wenn sich Verhaltensmuster, Gedanken und die eigenen Unzulänglichkeit so verankert haben, dass man aus seiner Rolle kaum raus kommt. Obwohl man ahnt, dass manche Sachen nicht so gut sind.

Gut heißen kann ich es nicht, aber ich kann verstehen, dass sie nicht aus ihrer Haut kann. Das ist der kleine aber feine Unterschied, der für mich etwas mehr Milde in die Situation und in mein Verhältnis zu ihr bringt. In dem Moment, in dem ich Frieden damit schließe und nicht davon ausgehe, dass meine Oma mich einfach nur so absichtlich fertig machen will, verändert sich irgendwie alles.

Ich hätte mir das selbst nicht in diesem Ausmaß vorstellen können und war schon auch skeptisch. Aber ich hatte die Sicherheit, dass ich jeder Zeit ehrlich sagen kann, was Sache ist und den Kontakt entsprechend auch jeder Zeit abbrechen, wenn mir danach ist. Das hat mir geholfen und mich zusätzlich geöffnet, um das Ganze auf andere Art und Weise anzugehen, als bisher. Meine Verletzungen und auch meine Unsicherheit ihr gegenüber sitzen tief, aber wenn ich Veränderung zulasse und versuche, mich zu verändern, statt einen Menschen, der seit 80 Jahren so ist, wie er eben ist, entsteht Stärke. Eine Stärke, die mich auch heute irgendwie durch den Tag trägt.

Für mich war die Erkenntnis (bzw. das Zulassen) , dass meine Oma kein von Grund auf böser und durchtriebener Mensch ist, ebenso wie die Erfahrung, dass ich zu einem gewissen Anteil aktiv etwas an dem Umgang verändern kann, sehr heilsam und wegweisend.

Das ist auch das, was meine Therapeutin mir, neben der gewaltfreien Kommunikation, beibringen möchte. Dass der andere Mensch mit seinem (negativen) Verhalten etwas in uns auslöst, aber nicht die Ursache dafür ist (sondern ein nicht befriedigtes Bedürfnis in mir). Umgekehrt bedeutet das eben auch, zu erkennen, dass meine Oma mich nicht hasst, sondern von ihrerer Seite aus ein Bedürfnis nicht befriedigt wird.

Meine Oma ist der perfekte Übungspartner für mich, was das angeht. Und gestern Abend ist mir aufgegangen, dass sie darüber hinaus eine Aufgabe ist, an der ich wachsen kann, wenn ich Frieden damit schließe. Diese Herausforderung anzugehen, darauf hab ich gerade große Lust.

Kennt Ihr ähnliche Konflikte aus Eurem Umfeld, die ihr durch eine veränderte innere Einstellung auflösen oder verändern konntet? Kennt Ihr solche Situationen und wie geht ihr damit um?

5 Kommentare

  • Oh ja, Sandra …genau das „übe“ ich gerade mit meiner Schwester. Ich war immer wieder so traurig und verletzt und mir ging’s schlecht. Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht als ein vertrauensvolles, liebevolles Verhältnis.
    Seit Jahren immer wieder neue gescheiterte Versuche. Die Erkenntnis, dass ich SIE nicht ändern kann, sondern MICH, mein Empfinden…nur so geht’s.
    Besonders hilft mir dieser Satz : „Manches wird erst gut, wenn wir es gut sein lassen“
    Ich kämpfe nicht mehr…seitdem geht’s mir besser.

    • Liebe Ingrid,

      ich glaub, wenn diese Erkenntnis da ist, dann wird’s echt so viel leichter. Gerade auch “Dinge gut sein lassen” ist ja was, das man lernen muss. Ist für mich auch immer noch schwer irgendwie. Also auch wenn man nicht mehr kämpft, ist es doch ja anfänglich immer noch eine Überwindung/ein Kraftakt irgendwie. So empfinde ich es jedenfalls oft.

      Bin gespannt, was noch so auf dem Weg wartet.

      Danke auf jeden Fall für deinen Kommentar und Dir viel Erfolg weiterhin <3

  • Liebe Sandra !

    Ich freue mich sehr für dich. Ich kenne da einige Situationen aus meiner Familie. Letztendlich habe ich die Besuche zur meine Oma eingestellt , leider ging es nicht mehr und in erster Linie wegen meiner kleinen Tochter die doch Mal ein klapps auf den Hintern bekommen sollte oder schreien lassen. Für mich ein absolutes No-Go.Ich habe es versucht und auch Verständnis für manche Aussagen aber manchmal ist es halt zuviel. Ich wünsche dir weiterhin alles Liebe und Gute. Liebe Grüße Catharina

    • Liebe Cathi,

      ich glaube nicht, dass ich mit meiner Oma jetzt über den Berg bin. Da wird noch einiges auf mich warten. Für mich gibt es da auf jeden Fall auch Grenzen, die ich künftig definitiv wahren möchte.
      Mal schauen, wie gut mir das gelingt.

      Schade auf jeden Fall, dass es bei deiner Oma gar nicht mehr ging. Aber die Tochter geht definitiv vor. Sowas würde ich mir auch nicht anhören wollen, da wäre bei mir definitiv auch Ende.

  • Liebe Sandra,
    ähnliches Verhalten kenne ich nur zu gut von meinem Vater. Er ist leider sehr eigentlich bei jedem Treffen und Telefonat verletzend oder stellt mich als schwach/Sensibelchen hin. Umso mehr Publikum er dabei hat, desto besser. Ich habe bislang immer nur gelacht und so getan als wäre es mir egal, um die Situation für die anderen Leute (Partygäste, Freunde, Familie, Fremde) zu entschärfen – es war allen unangenehm, verständlicherweise. Jedenfalls will mein Gerechtigkeitssinn eigentlich, dass ich ihm sein Verhalten vor allen anderen spiegele, ihm sage wie verletzend das für mich ist. Ich fürchte nur, dass ich am Ende einfach nur zurück frötzele. Also eher emotional, als reflektiert. Ich will es aber auch nicht einfach hinnehmen und weiterhin lachen, als wäre es kein Problem. Denn das ist es. So sehr, dass es mir bereits vorher die Freude auf das Treffen/Fest verdirbt und ich nur noch sehr sehr selten anrufe. So schade!!!

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